Krippenspiel “Nur neun Monate Heimat”

Leid in Syrien Szene
1

Mara, Jalil,
Licht: Licht aus. Alle sitzen direkt am Gang im Publikum außer Mara und Jalil.
Diese kommen durch die Eingangstür der Kapelle herein nachdem das Lied vorbei
ist und schalten nur ein Licht ein. Sie stellen sich nebeneinander vor den
Altar ohne sich zu berühren und blicken über das Publikum hinweg, fast wie wenn
sie es nicht sehen.

MARA (Erschöpft, traurig, hoffnungslos, langsam) Ich bin Mara, ich bin 23 Jahre alt. Ich bin in Syrien geboren. Syrien ist meine Heimat. Eigentlich hätte ich jeden Grund zur Freude. Mein Mann Jalil und ich, wir erwarten unser erstes Kind. Wie haben wir uns damals bei unserer Hochzeit darauf gefreut Kinder zu bekommen. Doch jetzt herrscht bei uns Krieg. So eine Zukunft möchte ich meinem, unserem Kind nicht schenken. Täglich habe ich Angst vor neuen Bombenangriffen.

JALIL (Gefühlslos )Meine Eltern sind bei einem Angriff gestorben. Vor zwei Monaten lebten sie noch und jetzt sind sie tot. Tot, als ob es sie nie gegeben hätte.

MARA Auf den Straßen herrscht so viel Leid. Man lebt von Tag zu Tag. Die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges vergraben wir mit unseren Toten. Ich bin Kinderkrankenschwester in einem Hospital. Jeden Tag sehe ich hungernde Kinder. Leidende Kinder. Kinder die ihre Eltern verloren haben. Eltern, die ihre Kinder verlieren. Das soll nicht die Zukunft unseres Kindes sein.

JALIL Schon lange spiele ich mit dem Gedanken zu
fliehen. Seit dem ich weiß, dass Mara schwanger ist, rückt der Gedanke immer
näher. Ist unser Kind erst auf der Welt können wir nicht mehr fort. Flucht ist
gefährlich. Flucht ist eine Reise mit dem Tod im Gepäck. Wir wissen welches
Risiko wir eingehen. Unverantwortbar mit einem Kind. Aber jetzt haben wir noch
Zeit. Mein Sohn oder meine Tochter soll in einer sicheren Welt leben, in der
man mit Sandspielzeug spielt und nicht mit Bombensplittern.

Black

Auf der Flucht zu
Fuß Szene 2

Mara, Jalil,
Bilder, Licht: Kriegsbilder mit Ton, dann Fluchtbilder an Land

MARA Seit Tagen sind wir unterwegs. Wir sind vielen Leuten begegnet, die ähnliches Leid mit uns geteilt haben. Und doch war es so anders. Da waren Jugendliche, ja fast noch Kinder. Alleine und auf der Flucht genau wie wir. Da waren alte Leute, arme, verwundete. Menschen für die die Flucht ebenso der Tod hätte sein können. Und für manche war sie der Tod.

JALIL Aber der Tod ist immer noch besser als ein
Leben in der Hölle. Wir sind schon kurz vor der Grenze von Syrien. Vor uns
liegt das Mittelmeer. Mara ist nun schon im 6. Monat. Ich habe alle unsere
Ersparnisse genommen – und wir wollten ein Haus kaufen – und nun stehen wir
hier am Meer. Ich bete zu Allah, dass es für die Fahrt auf einem guten Boot
reicht.

MARA (Entzünden ab dem zweiten Satz je eine Kerze und stellt sie auf den Altar. Bei jedem neuen Satz spricht einer mehr mit. Den letzten Satz ruft sie verzweifelt alleine und fällt dabei auf die Knie) Ich bete jede Nacht. Ich bete jede Nacht. Ich bete jede Nacht. Ich bete jede Nacht. Ich bete jede Nacht. Allah! Ich bete jede Nacht!

Black

Auf der Flucht auf
dem Boot Szene 3

Mara, Jalil,
Bilder, Mitreisende 1 – 4: Fluchtbilder mit Meeresrauschen, alle anderen
Spieler verteilen sich im Raum, Jalil und Mara sitzen vor dem Altar auf dem
Boden

MARA (Entrückter Blick) Und jetzt sind wir auf diesem Boot. Drei Menschen unter so vielen. Und überall ist Wasser. So viel Wasser. Alles was man sieht ist Wasser. Mein Rücken tut weh. Meine Kleidung ist nass. (Blickt lächelnd auf ihren Bauch.) Doch ich spüre das Kind. Es lebt. Unser Kind lebt. Mein Sohn oder meine Tochter. (Legt die Hände auf ihren Bauch.)

JALIL Unser Kind! (Jalil lächelt und steht auf) Wenn es geboren wird, werden wir in Sicherheit sein.

Im Raum verteilt
entspinnt sich ein Gespräch zwischen den Mitreisenden. Erst lassen sie einander
ausreden. Dann spricht das ganze “Boot”. Teilweise dürfen sich die
Aussagen wiederholen. Wechselnde Emotionen: Wütend, traurig, verzweifelt. Dann
abrupter Cut.

MITREISENDER 1 Was? Sie nehmen niemanden auf? Woher willst
du das wissen?

MITREISENDER 2 Mein Bruder hat es mir erzählt.

MITREISENDER 3 Aber das können sie doch nicht machen!

Auszug aus dem Text