Wenn ich nichts fühle

Stell dir vor, es kommt der Tag, du lebst munter dein Leben und plötzlich stellst du fest, dass du nichts mehr empfindest. Keine Freude, keine Angst, keine Wut. Und dennoch gehst du deinem Alltag nach und niemand würde auch nur vermuten, das irgendetwas nicht mit dir stimmt.

So wie Anna. Die Studentin ist von früh bis spät beschäftigt. Hat keine ruhige Minute, weil sie dem Leben einfach ungemein viel abgewinnen kann. Überall macht sie mit und dennoch, wenn sie an all die Menschen denkt, die sie liebt… muss sie schlucken. Sie ist sich ganz sicher, dass ihr diese Menschen unendlich viel bedeuten und sie für jeden einzelnen wahrscheinlich sterben würde – metaphorisch gesprochen. Und dennoch fehlt ihr die selige Wärme im Herzen, wenn sie an ihre Lieblingsmenschen denkt…

Meiner Meinung nach ist ein Mensch in seinen Wahrnehmungen dreigeteilt.

Emotion. Kognition. Physis.

Doch was, wenn plötzlich eine dieser drei Säulen wegbricht? Die Emotionen sind nur noch auf Standby und man kann sie nicht mehr 100 % einschalten und nur manchmal, unter ganz besonderen Umständen kann auf sie zurückgegriffen werden.

Die Kognition hingegen funktioniert prima. Alles was gedanklich verarbeitet werden kann, stellt kein Problem dar.

Auch bei Anna nicht. Wenn ihre Schwester ihr etwas Lustiges von dem Hund der Eltern erzählt, muss sie natürlich lächeln. Das ist logischer Grundsatz. Wenn die Hundedame sich heimlich auf den Tisch gestohlen hat, dort ein Sonnenbad nimmt und so tut als sei sie die Unschuld vom Lande. Dann ist das skurril, demnach witzig und dann lächelt Anna.

Auch ihre Physis tut was sie soll. Hunger, Durst, Hitze, Kälte, Lust, Schmerz funktionieren wie eh und je.

Doch wenn Emotionen im Spiel sein sollten erkennt Anna sich nicht wieder. Früher war sie doch anders.

Da war es häufig so, dass sie früh im Bett lag und im Halbschlaf den Vögeln lauschte, auf den Wecker schaute, sich freute, dass es noch Zeit bis zum Aufstehen war und sich glücklich rumdrehte und mit einem Lächeln, vom Gesang kleiner Piepmätze begleitet zurück in die Traumwelt schwebte.

Sie freute sich über die kleinsten Dinge. Doch jetzt war ihr das alles egal. Vögel sind nett. Klar. Auch ausschlafen und auch ein kuscheliges Bett sind ganz adäquat… denkt sie.

Doch auch die Angst ist nicht mehr ihre Begleiterin.

Früher war Anna stets mit einem unguten Gefühl den Feldweg in der Nacht vom Feiern nach Hause gelaufen. Die Worte ihrer Mutter brannten in ihrem Herzen und jedes Rascheln sorgte für höchste Anspannung. Natürlich war nie etwas passiert und doch war sie stets vorsichtig gewesen. Ein wenig ängstlich.

Heute stiefelt sie diesen Weg ohne jedwede Gefühlsregung, ja mit einem Schulterzucken und wenn es im Gebüsch raschelt, schielt sie vielleicht aus dem Augenwinkel nach einer potenziellen Gefahr… vielleicht.

Und dann ist da noch diese Wut. Anna hasst es wie ein kleines Kind behandelt zu werden und mit Sätzen wie: „Wenn Erwachsene reden…“ abgehandelt zu werden, bloß weil sie jünger ist. Sie konnte sich über so etwas fürchterlich aufregen. Sehr lange hatte sie sich einen Monolog spinnend bei ihrem Freund aufgeregt. Sie war regelrecht an die Decke gegangen.

Und jetzt zuckt sie mit den Schultern, wünschte den Erwachsenen einen schönen Tag und geht ihrer Wege. Wer sie nicht reden hören will – bitte dann halt nicht. Und fünf Minuten später hat sie vergessen, dass es das Gespräch überhaupt gegeben hat.

Doch diese Gefühle können geweckt werden. Anna weiß das. Sie vermisst sie. So ganz kognitiv. Sie weiß, irgendwas sollte da sein. Die Würze des Lebens. .

Alles Unbekannte, all die Situationen, die so intensiv sind, dass sie alle Hürden überwinden und zu ihrem Herzen durchdringen sehnt sie herbei.

Und da plötzlich klingelt es an der Tür und die Postbotin drückt ihr ein großes Päckchen in die Hand. Völlig verwirrt öffnet sie es und kann ihren Augen nicht glauben. Ein kleines Zettelchen liegt oben auf: „Für die Frau, die ich liebe. Eigentlich könnte deinem inneren Leuchten kein Kleid gerecht werden. Aber das hier ist recht nah dran.“ Und unter all dem Verpackungsmaterial taucht schließlich das Kleid ihrer Träume auf und ihr Herz überschlägt sich vor Freude, die Mundwinkel hängen in ihren Ohren und sie dankt dem der sie schuf für das Wunder ein Gefühl erleben zu dürfen.

Und gestern lief sie wieder einmal den Feldweg entlang und plötzlich hörte sie Schritte hinter sich und das Schnappen eines Messers. Sie stolperte über ihre Füße und ihr Herz. Es schlug ihr bis zum Halse, ihre Augen waren geweitet und als ihr gewahr wurde, dass sie allein auf weiter Flur war, wagte sie den Blick über die Schulter. Dort im Schein des Mondlichts sah sie eine lange Messerklinge in der Hand eines großen Mannes mit lüsternem Blick, der auf sie zulief.

Mit einem panischen Aufschrei erwachte sie aus ihrem Albtraum, lag heftig atmend auf dem Rücken, blickte an die dunkle Decke und schüttelte den Kopf. Wie konnte sie nur so dankbar sein für solch eine Fantasie? Doch die Angst war da. Sie genoss die Panik und selig schlief sie ein, nur um am nächsten Morgen dem wahren Schrecken wieder ins Auge blicken zu müssen.

Und als man ihr beim Bier im Pub erzählte, wie sinnvoll Euthanasie doch gewesen ist. Sie war drauf und dran gewesen ihrem Gegenüber ihrerseits Sterbehilfe zu leisten, hätte ihr Freund sie nicht freundlich und bestimmt davon abgehalten. Ihr Gegenüber, war bei der Jagd nach Bier nicht wiedergekommen, doch Anna hatte die Gunst der Stunde genutzt und sich in Rage geredet. Wut war besser als Leere. Da musste ihr Schatz jetzt durch.

Depression kann nämlich dies sein. Die Krankheit der Leere. Doch Anna arbeitete daran. Jeden Tag. Manchmal half ihr Musik und berührte ihr Herz, manchmal das Jonglieren mit Worten. Küsse ihres Freundes. Doch oft auch gar nichts. Doch für den Glauben ans Happy End reichten die Kognitionen. Sie gab ihn nicht auf.

Stell dir vor, es kommt der Tag, du lebst munter dein Leben und plötzlich stellst du fest, dass du nichts mehr empfindest. Keine Freude, keine Angst, keine Wut. Und dennoch gehst du deinem Alltag nach und niemand würde auch nur vermuten, das irgendetwas nicht mit dir stimmt.

So wie Anna. Die Studentin ist von früh bis spät beschäftigt. Hat keine ruhige Minute, weil sie dem Leben einfach ungemein viel abgewinnen kann. Überall macht sie mit und dennoch, wenn sie an all die Menschen denkt, die sie liebt… muss sie schlucken. Sie ist sich ganz sicher, dass ihr diese Menschen unendlich viel bedeuten und sie für jeden einzelnen wahrscheinlich sterben würde – metaphorisch gesprochen. Und dennoch fehlt ihr die selige Wärme im Herzen, wenn sie an ihre Lieblingsmenschen denkt…

Meiner Meinung nach ist ein Mensch in seinen Wahrnehmungen dreigeteilt.

Emotion. Kognition. Physis.

Doch was, wenn plötzlich eine dieser drei Säulen wegbricht? Die Emotionen sind nur noch auf Standby und man kann sie nicht mehr 100 % einschalten und nur manchmal, unter ganz besonderen Umständen kann auf sie zurückgegriffen werden.

Die Kognition hingegen funktioniert prima. Alles was gedanklich verarbeitet werden kann, stellt kein Problem dar.

Auch bei Anna nicht. Wenn ihre Schwester ihr etwas Lustiges von dem Hund der Eltern erzählt, muss sie natürlich lächeln. Das ist logischer Grundsatz. Wenn die Hundedame sich heimlich auf den Tisch gestohlen hat, dort ein Sonnenbad nimmt und so tut als sei sie die Unschuld vom Lande. Dann ist das skurril, demnach witzig und dann lächelt Anna.

Auch ihre Physis tut was sie soll. Hunger, Durst, Hitze, Kälte, Lust, Schmerz funktionieren wie eh und je.

Doch wenn Emotionen im Spiel sein sollten erkennt Anna sich nicht wieder. Früher war sie doch anders.

Da war es häufig so, dass sie früh im Bett lag und im Halbschlaf den Vögeln lauschte, auf den Wecker schaute, sich freute, dass es noch Zeit bis zum Aufstehen war und sich glücklich rumdrehte und mit einem Lächeln, vom Gesang kleiner Piepmätze begleitet zurück in die Traumwelt schwebte.

Sie freute sich über die kleinsten Dinge. Doch jetzt war ihr das alles egal. Vögel sind nett. Klar. Auch ausschlafen und auch ein kuscheliges Bett sind ganz adäquat… denkt sie.

Doch auch die Angst ist nicht mehr ihre Begleiterin.

Früher war Anna stets mit einem unguten Gefühl den Feldweg in der Nacht vom Feiern nach Hause gelaufen. Die Worte ihrer Mutter brannten in ihrem Herzen und jedes Rascheln sorgte für höchste Anspannung. Natürlich war nie etwas passiert und doch war sie stets vorsichtig gewesen. Ein wenig ängstlich.

Heute stiefelt sie diesen Weg ohne jedwede Gefühlsregung, ja mit einem Schulterzucken und wenn es im Gebüsch raschelt, schielt sie vielleicht aus dem Augenwinkel nach einer potenziellen Gefahr… vielleicht.

Und dann ist da noch diese Wut. Anna hasst es wie ein kleines Kind behandelt zu werden und mit Sätzen wie: „Wenn Erwachsene reden…“ abgehandelt zu werden, bloß weil sie jünger ist. Sie konnte sich über so etwas fürchterlich aufregen. Sehr lange hatte sie sich einen Monolog spinnend bei ihrem Freund aufgeregt. Sie war regelrecht an die Decke gegangen.

Und jetzt zuckt sie mit den Schultern, wünschte den Erwachsenen einen schönen Tag und geht ihrer Wege. Wer sie nicht reden hören will – bitte dann halt nicht. Und fünf Minuten später hat sie vergessen, dass es das Gespräch überhaupt gegeben hat.

Doch diese Gefühle können geweckt werden. Anna weiß das. Sie vermisst sie. So ganz kognitiv. Sie weiß, irgendwas sollte da sein. Die Würze des Lebens. Sie wäre traurig darüber und würde es schmerzlich vermissen, wenn sie nie hätte sagen können, dass sie jemanden geliebt hat.

Alles Unbekannte, besonders die Situationen, die so intensiv sind, dass sie jegliche Hürden überwinden und zu ihrem Herzen durchdringen sehnt sie herbei.

Und da plötzlich klingelt es an der Tür und die Postbotin drückt ihr ein großes Päckchen in die Hand. Völlig verwirrt öffnet sie es und kann ihren Augen nicht glauben. Ein kleines Zettelchen liegt oben auf: „Für die Frau, die ich liebe. Eigentlich könnte deinem inneren Leuchten kein Kleid gerecht werden. Aber das hier ist recht nah dran.“ Und unter all dem Verpackungsmaterial taucht schließlich das Kleid ihrer Träume auf und ihr Herz überschlägt sich vor Freude, die Mundwinkel hängen in ihren Ohren und sie dankt dem der sie schuf für das Wunder ein Gefühl erleben zu dürfen.

Und gestern lief sie wieder einmal den Feldweg entlang und plötzlich hörte sie Schritte hinter sich und das Schnappen eines Messers. Sie stolperte über ihre Füße und ihr Herz. Es schlug ihr bis zum Halse, ihre Augen waren geweitet und als ihr gewahr wurde, dass sie allein auf weiter Flur war, wagte sie den Blick über die Schulter. Dort im Schein des Mondlichts sah sie eine lange Messerklinge in der Hand eines großen Mannes mit lüsternem Blick, der auf sie zulief.

Mit einem panischen Aufschrei erwachte sie aus ihrem Albtraum, lag heftig atmend auf dem Rücken, blickte an die dunkle Decke und schüttelte den Kopf. Wie konnte sie nur so dankbar sein für solch eine Fantasie? Doch die Angst war da. Sie genoss die Panik und selig schlief sie ein, nur um am nächsten Morgen dem wahren Schrecken wieder ins Auge blicken zu müssen.

Und als man ihr beim Bier im Pub erzählte, wie sinnvoll Euthanasie damals doch gewesen ist. Sie war drauf und dran gewesen ihrem Gegenüber ihrerseits tatkräftig Sterbehilfe zu leisten, hätte ihr Freund sie nicht freundlich und bestimmt davon abgehalten. Ihr Gegenüber, war bei der Jagd nach Bier nicht wiedergekommen, doch Anna hatte die Gunst der Stunde genutzt und sich in Rage geredet. Wut war besser als Leere. Da musste ihr Schatz jetzt durch.

Depression kann nämlich dies sein. Die Krankheit der Leere. Doch Anna arbeitete daran. Jeden Tag. Manchmal half ihr Musik und berührte ihr Herz, manchmal das Jonglieren mit Worten. Küsse ihres Freundes. Doch oft auch gar nichts. Doch für den Glauben ans Happy End reichten die Kognitionen. Sie gab ihn nicht auf.